Hier finden Sie die aktuelle Ausgabe von IsnyAktuell mit dem Kirchenblatt der Kath. Seelsorgeeinheit Isny
Liebe
Gemeinde,
„Herr, du
bist mein Leben“ – so haben wir vorher gesungen. In dem Lied wird deutlich:
Leben und Gott – Gott und Leben, das gehört eng zusammen. Ganz ähnlich klang es
in der Lesung bei Paulus: „Leben wir, so leben wir dem Herrn“. Paulus ergänzt noch
einen Satz: „sterben wir, so sterben wir dem Herrn“ – wegen diesem Vers werden
diese Zeilen auch gerne bei Beerdigungen genommen. Und ich gebe zu, zuerst
wollte ich deshalb eigentlich einen Bogen um diese Worte machen. Beerdigung und
Anfang des neuen Schul- und Arbeitsjahres passen ja wirklich nicht so gut
zusammen. Und für das Kapellenfest ist es erst recht nicht so das geeignete
Thema.
Ich blieb
dann doch dabei – gerade weil der erste Teil des Satzes durchaus bedenkenswert
ist – nicht zuletzt an so einem Tag wie heute. Immerhin steht da ja das Leben
im Mittelpunkt: „Leben wir, so leben wir dem Herrn“ Das scheint auch für
Paulus der zentrale Gedanke gewesen zu sein: Das ganze Leben – von Anfang bis
zum Ende (und darüber hinaus) – liegt in Gottes Hand.
„Leben wir,
so leben wir dem Herrn“. Das kann man nun durchaus etwas durchbuchstabieren und
auf verschiedene Situationen anwenden:
Um mal ganz
positiv mit dem heutigen Anlass zu beginnen: Feiern wir, so feiern wir mit dem
Herrn. Ja, das Feiern gehört zum Leben dazu, auch für Jesus. Nicht umsonst
erzählen die Evangelien von dem einen oder anderen Fest, bei dem Jesu dabei war
und mitgefeiert hat. Deshalb gilt: Wenn wir mit dem Herrn leben, dann dürfen
wir auch mit ihm feiern.
Oder auch:
Hoffen wir, so hoffen wir mit dem Herrn und auf den Herrn. Glaube und Hoffnung
gehören eng zusammen. Und wo immer wir Hoffnung haben, dürfen wir mit Gott
hoffen.
Oder: gerade
am Anfang des neuen Schul- und Arbeitsjahres: Gehen wir einen neuen
Weg, so gehen wir ihn mit dem Herrn. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir auf
unserem Weg nicht allein sind – begleitet hoffentlich immer wieder von guten
Menschen an unserer Seite, begleitet aber auch von Gott selbst.
Dieses „Leben wir,
so leben wir dem Herrn“ gilt aber natürlich auch und gerade in schwierigeren
Zeiten:
Haben wir
Sorgen, so ist auch in den Sorgen der Herr nahe. Und das macht die Sorgen schon
wieder etwas erträglicher.
Plagen uns
Probleme, so dürfen wir auch diese vor Gott bringen.
Ja, unser
ganzes Leben – davon ist Paulus überzeugt – ist mit Gott verwoben, ist ein
Leben in Gottes segensreicher Nähe. Nicht, dass dadurch alles leicht und
einfach würde – Paulus selbst hatte in seinem Leben mit so manchem zu kämpfen,
angefangen von den eigenen Irrwegen bis hin zu Anfeindungen und Verfolgungen.
Aber als Leben in Gottes Nähe ist es ein Leben in Hoffnung. Das galt für
Paulus, das gilt auch für uns heute.
Nun aber
doch noch kurz zu jenem zweiten Teil des Satzes, dem mit dem Sterben. „Sterben
wir, so sterben wir mit dem Herrn“. Ich glaube, was Paulus da vor allem sagen
will: All das, all diese segensreiche Nähe Gottes, all die Geborgenheit in
seiner Liebe, all das, was unser Leben trägt: es endet nicht mit dem Tod, wir
dürfen es hinüber nehmen zu Gott. Und das ist vor allem auch eine gute
Botschaft schon für dieses Leben. Denn umso mehr wird es zu einem Leben in
Hoffnung und Zuversicht. Und so ist es gut, sich dies immer wieder bewusst zu
machen: „Leben wir, so leben wir dem Herrn“.
Liebe Gemeinde,
Liebe in
einer unvollkommenen Welt – so könnte man über die beiden biblischen Texte
schreiben. Da war bei Paulus das Lob auf die Liebe, die die Erfüllung des
ganzen Gesetzes ist. Dieser Hochachtung der Liebe stimmen wir sicher gerne zu. Die
Liebe hat für uns einen sehr hohen Wert. Im Evangelium wird aber schnell
deutlich, dass diese Forderung der Liebe oft genug auf eine schwierige
Wirklichkeit stößt. Wäre alles in der Welt perfekt, wäre alles liebenswert und
würden sich vor allem die Menschen immer liebenswert verhalten, wäre es wohl
auch nicht ganz so schwierig, diesem Gebot der Liebe nachzukommen.
Aber die
Welt ist eben nicht vollkommen, es gibt in ihr manches, was nicht so
liebenswert erscheint. Und es gibt leider auch die Menschen, die wenig
liebenswert handeln. „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt“ – so begannen die
Worte Jesu. Aber gerade in solchen Situationen muss sich die Liebe bewähren:
als Liebe in einer unvollkommenen Welt.
An dieser
Stelle ist es vielleicht gut, näher zu schauen, was für eine Liebe hier gemeint
ist. Es gibt ja recht unterschiedliche Formen der Liebe. Eine ist mit tiefen
Gefühlen verknüpft, eine tiefe emotionale Verbundenheit, wie wir sie z.B. bei
Liebespaaren oder auch bei der Liebe der Eltern zu den Kindern kennen. Solche
tiefen liebevollen Gefühle sind freilich in der Regel nur zu wenigen Menschen
möglich.
Eine andere
Form der Liebe – und die ist meist in der Bibel gemeint – schließt dagegen sehr
viel mehr Menschen ein. Es zeichnet sie aus, dass sie eben gerade nicht Halt
macht bei den Menschen, die einem sehr nahe stehen. Dabei geht es dann weniger
um tiefe Gefühle als vielmehr um einen wertschätzenden, respektvollen Umgang mit
all den vielen Menschen, die uns Tag für Tag begegnen - gerade auch mit denen,
die vielleicht zunächst wenig liebenswert erscheinen: der schwierige
Arbeitskollege, der nervige Nachbar oder im Beispiel des Evangeliums der Bruder
(oder auch die Schwester), der (die) immer und immer wieder gegen einen
sündigt.
Noch
deutlicher wird das Gemeinte, wenn wir auf das Gegenteil der Liebe schauen. Bei
der gefühlsbetonten Liebe ist der Gegensatz dazu der Hass. Bei dieser
wertschätzenden Liebe dagegen ist das Gegenteil eher die Gleichgültigkeit. Die
Gleichgültigkeit, die mir einredet: was geht mich der andere an, was kümmert es
mich, wie es ihm geht. Ich schaue auf mich und die Meinen, alles andere ist mir
egal.
Aber genau
diese Haltung soll es bei Christen nicht geben. Sie müssen und sie sollen gar
nicht alle Menschen sympathisch finden, aber sie sollen im Umgang miteinander
immer fair bleiben. Sie müssen und sie
sollen gar nicht alles gutheißen, was andere tun, aber sie dürfen nie sagen:
der andere ist mir egal.
Im Übrigen
lässt sich dies bei Jesus selbst ebenfalls ablesen. Auch er fand keineswegs
alle Menschen sympathisch, und was er manchen Pharisäern und Gesetzeslehrern an
den Kopf warf, klingt wenig liebevoll. Und doch hätte er ihnen wahrscheinlich
geholfen, wenn sie in Not geraten wären.
Und so war
es auch für Jesus die Frage: Wie kann und wie soll eine Liebe in einer so
unvollkommenen Welt mit so unvollkommenen Menschen aussehen. Wie kann Liebe
aussehen, wenn der andere sich so wenig liebenswert verhält bzw. um nochmals
das Evangelium aufzugreifen, sich immer wieder gegen dich versündigt.
An einem Fall spielt das Evangelium diesen Gedanken
durch. Wichtiger als das konkrete Vorgehen in dieser Streitsache scheint mir dabei
dieser Gedanke: Wenn wir von der Liebe reden, wenn wir mit Paulus davon
sprechen wie großartig und wichtig die Liebe ist, dann müssen wir uns doch
immer zugleich bewusst sein: Es ist eine Liebe in einer unvollkommenen Welt, und gerade in dieser unvollkommenen
Welt muss sich die Liebe immer wieder bewähren: wenn der Bruder oder die
Schwester gegen einen sündigt, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten und
Streitereien kommt, wenn andere wenig liebenswert erscheinen, gerade dann ist
es gut, sich an diese Liebe zu erinnern, die das Evangelium aufträgt: eine
Liebe, die niemanden ausschließt und die versucht, jeden und jede wertschätzend
zu behandeln.