Hier finden Sie die aktuelle Ausgabe von IsnyAktuell mit dem Kirchenblatt der Kath. Seelsorgeeinheit Isny
Liebe
Gemeinde,
„Die Wege
des Lebens sind nicht immer einfach“ – diesen Satz könnte man über die beiden
Texte schreiben, die wir eben gehört haben. Die Wege des Lebens sind nicht
immer einfach – das hat der Prophet Jeremia erfahren. Natürlich, er hätte es
sich einfach machen können. Er hätte einfach schweigen können, oder er hätte
sagen können, was die Mächtigen seiner Zeit hören wollten, dass alles in
Ordnung wäre, dass man sich keine Sorgen machen müsse. Aber das konnte er
nicht. Es war eben bei weitem nicht alles in Ordnung. Und er spürte tief innen
den Ruf Gottes, der ihm keine Ruhe ließ, der ihn dazu brachte, das Unrecht beim
Namen zu nennen – auf die Gefahr hin, dass sein Leben dadurch sehr viel
komplizierter wurde.
Die Wege des
Lebens sind nicht immer einfach – diese Lehre musste auch Petrus lernen. Gerade
noch hatte er Jesus als den Messias und Sohn Gottes bekannt – wir haben es
letzten Sonntag gehört – nun erfährt er einen harten Tadel. Und zwar deshalb,
weil er sich vorstellt: mit diesem Sohn Gottes an der Seite wird alles einfach,
mit ihm wird es ein Weg des Triumphes und der Freude – und vielleicht stelle
sich Petrus schon vor, wie er sich selbst ein wenig im Glanz des Messias sonnen
könnte. Aber Jesus weiß: sein Weg sieht anders aus, sein Weg ist alles andere
als ein Weg des Triumphes, sein Weg führt mitten durch die Tiefen größten
Leides.
Die Wege des
Lebens sind nicht immer einfach – das spüren auch wir immer wieder – wenn
Sorgen uns plagen, wenn Leid unser Leben erschwert. Es gibt vieles, was den Weg
des Lebens beschwerlich machen kann. Bei manchem – wie einer Krankheit – können
wir gar nicht viel ändern. Bei anderem sagt uns vielleicht das Gewissen,
welcher Weg zu gehen wäre – und gleichzeitig besteht ähnlich wie bei Jeremia
die Versuchung, dann doch die einfachen Wege zu gehen. Lieber wegzuschauen,
lieber den bequemen Weg gehen, lieber sich nicht zu sehr um andere kümmern, es
könnte ja für einen selbst schwierig werden …
Aber wer
immer nur die einfachen Wege wählt, der könnte leicht das Ziel verpassen. Ich
glaube, genau das meint Jesus dann mit dem Satz: wer sein Leben retten will,
wird es verlieren. Wer nur die einfachen Wege sucht, wird leicht den richtigen
Weg verpassen.
Und
umgekehrt gilt: wer wie ein Jeremia auf sein Gewissen hört, wer es wagt, auch
die schwierigen Wege einzuschlagen, weil er überzeugt ist, dass es die
richtigen Wege sind, der wird am Ende vielleicht doch reich belohnt, weil er
spürt: es war gut und richtig, was er getan hat. Vielleicht ist es da ein wenig
wie bei den Wegen in den Bergen: wer immer nur die einfachen und bequemen Wege wählt,
wird schwerlich einen hohen Gipfel erreichen. Wer aber bereit ist, auch
anstrengende Wege auf sich zu nehmen, der kann sich manchem Gipfelerlebnis
erfreuen.
All das
heißt dann natürlich nicht, dass Gott uns einfach so – sozusagen aus einer
Laune heraus – schwere Kreuze aufladen wollte oder unsere Wege zu schwierigen,
steinigen Wegen machen wollte. Im Gegenteil, die Bibel ist ja voll von
Erzählungen, die deutlich machen: Gott meint es gut mit uns. Er will uns nicht
Hindernisse in den Weg legen, er will uns helfen, sie zu überwinden. Er will
uns nicht unnötige Lasten aufbürden, sondern hilft uns, sie zu tragen.
Aber das
Leben ist nun mal so, dass es nicht immer die einfachen Wege sind, die zum Ziel
führen. Das hat Jeremia erfahren, das hat Petrus lernen müssen, das spüren auch
wir immer wieder.
Umso
wichtiger, dass wir dann darauf vertrauen dürfen: Gott will uns auch die Kraft
geben, die schwierigen Wege zu gehen, wenn es die richtigen und zielführenden
Wege sind.
Liebe Gemeinde,
Liebe in
einer unvollkommenen Welt – so könnte man über die beiden biblischen Texte
schreiben. Da war bei Paulus das Lob auf die Liebe, die die Erfüllung des
ganzen Gesetzes ist. Dieser Hochachtung der Liebe stimmen wir sicher gerne zu. Die
Liebe hat für uns einen sehr hohen Wert. Im Evangelium wird aber schnell
deutlich, dass diese Forderung der Liebe oft genug auf eine schwierige
Wirklichkeit stößt. Wäre alles in der Welt perfekt, wäre alles liebenswert und
würden sich vor allem die Menschen immer liebenswert verhalten, wäre es wohl
auch nicht ganz so schwierig, diesem Gebot der Liebe nachzukommen.
Aber die
Welt ist eben nicht vollkommen, es gibt in ihr manches, was nicht so
liebenswert erscheint. Und es gibt leider auch die Menschen, die wenig
liebenswert handeln. „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt“ – so begannen die
Worte Jesu. Aber gerade in solchen Situationen muss sich die Liebe bewähren:
als Liebe in einer unvollkommenen Welt.
An dieser
Stelle ist es vielleicht gut, näher zu schauen, was für eine Liebe hier gemeint
ist. Es gibt ja recht unterschiedliche Formen der Liebe. Eine ist mit tiefen
Gefühlen verknüpft, eine tiefe emotionale Verbundenheit, wie wir sie z.B. bei
Liebespaaren oder auch bei der Liebe der Eltern zu den Kindern kennen. Solche
tiefen liebevollen Gefühle sind freilich in der Regel nur zu wenigen Menschen
möglich.
Eine andere
Form der Liebe – und die ist meist in der Bibel gemeint – schließt dagegen sehr
viel mehr Menschen ein. Es zeichnet sie aus, dass sie eben gerade nicht Halt
macht bei den Menschen, die einem sehr nahe stehen. Dabei geht es dann weniger
um tiefe Gefühle als vielmehr um einen wertschätzenden, respektvollen Umgang mit
all den vielen Menschen, die uns Tag für Tag begegnen - gerade auch mit denen,
die vielleicht zunächst wenig liebenswert erscheinen: der schwierige
Arbeitskollege, der nervige Nachbar oder im Beispiel des Evangeliums der Bruder
(oder auch die Schwester), der (die) immer und immer wieder gegen einen
sündigt.
Noch
deutlicher wird das Gemeinte, wenn wir auf das Gegenteil der Liebe schauen. Bei
der gefühlsbetonten Liebe ist der Gegensatz dazu der Hass. Bei dieser
wertschätzenden Liebe dagegen ist das Gegenteil eher die Gleichgültigkeit. Die
Gleichgültigkeit, die mir einredet: was geht mich der andere an, was kümmert es
mich, wie es ihm geht. Ich schaue auf mich und die Meinen, alles andere ist mir
egal.
Aber genau
diese Haltung soll es bei Christen nicht geben. Sie müssen und sie sollen gar
nicht alle Menschen sympathisch finden, aber sie sollen im Umgang miteinander
immer fair bleiben. Sie müssen und sie
sollen gar nicht alles gutheißen, was andere tun, aber sie dürfen nie sagen:
der andere ist mir egal.
Im Übrigen
lässt sich dies bei Jesus selbst ebenfalls ablesen. Auch er fand keineswegs
alle Menschen sympathisch, und was er manchen Pharisäern und Gesetzeslehrern an
den Kopf warf, klingt wenig liebevoll. Und doch hätte er ihnen wahrscheinlich
geholfen, wenn sie in Not geraten wären.
Und so war
es auch für Jesus die Frage: Wie kann und wie soll eine Liebe in einer so
unvollkommenen Welt mit so unvollkommenen Menschen aussehen. Wie kann Liebe
aussehen, wenn der andere sich so wenig liebenswert verhält bzw. um nochmals
das Evangelium aufzugreifen, sich immer wieder gegen dich versündigt.
An einem Fall spielt das Evangelium diesen Gedanken
durch. Wichtiger als das konkrete Vorgehen in dieser Streitsache scheint mir dabei
dieser Gedanke: Wenn wir von der Liebe reden, wenn wir mit Paulus davon
sprechen wie großartig und wichtig die Liebe ist, dann müssen wir uns doch
immer zugleich bewusst sein: Es ist eine Liebe in einer unvollkommenen Welt, und gerade in dieser unvollkommenen
Welt muss sich die Liebe immer wieder bewähren: wenn der Bruder oder die
Schwester gegen einen sündigt, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten und
Streitereien kommt, wenn andere wenig liebenswert erscheinen, gerade dann ist
es gut, sich an diese Liebe zu erinnern, die das Evangelium aufträgt: eine
Liebe, die niemanden ausschließt und die versucht, jeden und jede wertschätzend
zu behandeln.